Von der Schwierigkeit eines Online-Wahlkampfes

Online-Wahlkämpfe sind eine sehr spannende Sache. Mittlerweile total abgegriffen, aber ja: Obama hat mehr oder weniger gezeigt, wie eine Internet-Wahlkampagne aussehen kann. Das der US-Wahlkampf nicht 1:1 für Deutschland übernommen werden konnte, haben dann 2009 alle deutschen Parteien merken dürfen. Dennoch kann Online-Wahlkampf witzig, spannend, informativ und vor allem partizipativ sein.

Eine dahingehend interessante Kampagnenidee haben sich die am Online-Wahlkampf von Bündnis’90/Die Grünen Berlin beteiligten Agenturen newthinking und nest ausgedacht. Interessierte Bürgerinnen und Bürger können unter dem Motto der „Mitsprachestadt“ angeben, wo ihrer Meinung nach die Probleme in der Stadt liegen, die dringend angegangen werden müssen.Leider kann man gerade in Deutschland nur ganz schlecht vorhersagen, ob und wie solche partizipativen Elemente im Wahlkampf angenommen werden. Ein beliebter Handgriff ist für Wahlkämpfer daher sich selbst einzubringen und den interessierten Bürger zu geben. Da muss auch nicht immer manipulativer Wille dahinter stecken; manchmal brauchts halt einfach ein wenig Anschubleistung, um es mal wohlwollend zu formulieren.

Ein solcher Anschub ist nun auch bei den Berliner Grünen zu besichtigen: Der Bürger Andreas Gebhard moniert den Unfallschwerpunkt für Radfahrer an der Schönhauser Allee (das ist wahrscheinlich wirklich ne miese Ecke). Und weil die Grünen das mit ihrer Mitsprachestadt wirklich ernst nehmen, kommt auch wenige Tage später die Renate Künast zusammen mit der Abgeordneten Claudia Hämmerling und dem Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner direkt zur Besichtigung des Problems im Beisein des Bürgers. Mit im Schlepptau natürlich auch Fotograf und Kamerateam (soll ja auch jeder sehen, dass der Renate das ernst ist).

(Foto vom Facebook-Album der Mitmachstadt entnommen)

Und weil das mit der Mitmachstadt so gut funktioniert, fragt denn auch prompt jemand interessiert nach, ob die Renate sich dann auch die anderen Problem der Stadt anschauen kommt um dann als Bürgermeisterin auch richtig regieren zu können. Aber leider scheint die Renate so beschäftigt zu sein, dass sie sich nun wirklich nicht allen Wehwehchen der Bürger annehmen kann. Naja, die hat ja sicher auch viel zu tun.

Und auch wenn die Renate so schwer beschäftigt ist, hab ich hier noch zwei super Probleme, denen sie sich unbedingt annehmen sollte. Im Treptower Park gibt es nämlich ein ekliges Müllproblem. Hier mal bitte mit der Renate vorbeikommen und gemeinsam durch den Müll waten und aufsammeln. Wenn dafür allerdings keine Zeit sein sollte, dann vielleicht zusammen mit dem Christopher für einen fairen Wahlkampf sorgen und die Plakat-Großfläche (auch Wesselmann genannt) am Kollwitzplatz mit der Piratenpartei teilen.

Achso: Der Bürger Andreas Gebhard, den die Renate mit großem Tam-Tam besucht hat, ist übrigens Geschäftsführer der Agentur newthinking. Zufälle gibts, die gibts eigentlich gar nicht.

[update: 18:02 Uhr]

Auch die CDU scheint so ihre Schwierigkeiten mit dem Online-Wahlkampf zu haben. Aber hey:

Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. (Bertolt Brecht)

[update: 10.8.11, 14:46 Uhr]

Andreas Gebhard hat sich heute im Blog von newthinking zum Vorgang geäußert. Selbstverständlich kann er wie jeder andere Mensch auch, seine Anliegen im Mitmachportal eintragen. Das wird ihm sicher niemand absprechen. Leider sagt Andreas aber nicht, wieso ausgerechnet er als erster Bürger auserkoren war von Renate und Medienanhang besucht und social-media-mäßig verbraten zu werden. Vielleich ein reiner Zufall, und vielleicht hat das auch die PR-Abteilung von Renate ganz alleine ausgeheckt. Das werden wir aber vermutlich nicht erfahren.

Achja: Neben Renate und Andreas war auch noch Jens-Holger Kirchner beim Ortstermin anwesend. Der wiederum ist Bezirksstadtrat von Pankow für Bündnis’90/Die Grünen und dort zuständig für „öffentliche Ordnung“. Witzigerweise zählt dazu auch das Tiefbauamt des Bezirks, welches für Straßen und Radwege zuständig ist. Nun will ich ja dem Stadtrat nicht sagen, wie er seine Arbeit machen soll, aber ein Blick in die Unfallstatistik für Radfahrer (PDF) hätte den Handlungsbedarf auch ohne Beteiligungsplattform erkennen lassen können.

[update: 11.08.11, 23:30 Uhr]

Mittlerweile hat der Pressesprecher von Bündnis’90/Die Grünen Berlin, Andreas Schulze, eine „Entgegnung“ auf die Vorgänge um die Online-Kampagne „Mitmachstadt“ veröffentlicht. Und was soll ich sagen: Es wird nicht besser.

Im ersten Teil schreibt Schulze:

„…besonders elegant sieht es nicht aus, wenn ausgerechnet das erste Aufsuchen einer Aufgabe aus unserer Mitmach-Kampagne zum Geschäftsführer eines Dienstleisters unserer Kampagne führt.“

und

„Dass aus 220 Aufgaben nun ausgerechnet eine ausgewählt wurde, die vom Geschäftsführer eines unserer Dienstleister gesetzt worden ist (s. Aufgabe „Nadelöhr / Unfallschwerpunkt Radfahrer Schönhauser hoch“), wirft ein nicht ganz so gutes Licht auf das Unterfangen…“

Richtig. Immerhin haben sie erkannt worum es geht. Dann geht es aber weiter mit:

„Wir überprüfen nicht, ob uns die Leute, die eine Pin setzen, uns politisch nahe, sehr nahe, sehr fern, aufgeschlossen oder verschlossen gegenüberstehen.“

Und liebe grüne Pressestelle, das ist doch nicht euer Ernst. Wollt ihr wirklich sagen, dass es sich hier nur um einen dummen Zufall handelt? Keinem von euch ist aufgefallen, dass Andreas Gebhard Geschäftsführer eurer Online-Agentur ist? Wie schwer ist es eigentlich zuzugeben, dass der Aufschlag-Termin mit dem Bürger Andreas Gebhard geplant gewesen ist? Welcher Zacken bricht euch aus der Krone, wenn ihr einfach sagt, dass es ne dumme Idee war, ihr einfach nicht genug drüber nachgedacht habt und ihr anerkennt, dass ihr dem Beteiligungsgedanken damit keinen Gefallen getan habt und euch einfach entschuldigt? Schade. Ihr habt nicht nur die Aktion versaut, sondern auch eine echt miese Krisenkommunikation bewiesen. Wirklich schade.

[update: 12.08.11, 19:10 Uhr]

Die SPD Berlin-Nordost hat auch noch einiges zur Situation von Radfahrern an der Schönhauser Allee/Torstraße beizutragen. Nämlich die Antwort auf eine kleine Anfrage in der BVV Pankow, in deren Beantwortung der grüne Bezirksstadtrat keinen Handlungsbedarf an der Kreuzung sieht. So fügt sich jetzt eins ins andere…

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26 Kommentare

  1. Naja, großer Tamtam ist anders, nach 15min. war alles vorbei!
    Immerhin hat Kollege Jens-Holger Kirchner direktes Handeln angekündigt und wird die Absenkung des Bordsteins vornehmen. Und wenn das passiert bin ich froh.

    Bürger Andreas Gebhard

    • Herr Gebhard, vielleicht wäre es eine gute Idee mal Stellung zu nehmen zur Vermischung von Geschäftsführung einer für die BündnisGrünen tätigen Agentur und ihrem bürgerlichen Engagement bei eben dieser Partei?

      • Wem gegenüber soll er denn da Stellung beziehen? Wenn ich das richtig weiß, ist er ja nicht nur Geschäftsführer, sondern auch Inhaber. Womit er das vermischt, ist doch dann rein seine Sache, oder nicht?

        (Und bevor jemand „aufdecken“ will, dass ich auch Grüner bin: Ich bin Grüner. Und arbeite bei der Konkurrenz von newthinking.)

      • Lieber Herr Bröckerhoff,
        hier mein Wikipedia Eintrag:
        http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Gebhard

        Zur Sache: Wenn Sie die Straße kennen um die es bei der Aktion geht, wissen Sie sicher, dass das es sehr wichtig ist das von mir adressierte Problem zu lösen. Ich hoffe, dass die Aufmerksamkeit dazu beiträgt, dass da was passiert (siehe oben). Bei uns ist das geschäftliche auch politisch. Warum soll ich bei der Aktion nicht mitmachen wenn das Anligen stimmt?

  2. Ach herrje, da ist ja gleich alles konspirative Verschwörung, nur, weil der GF der einen Agentur auch eines der mittlerweile rund 300 Probleme meldet?!
    Was genau soll das denn bitte zeigen? Dass es sonst nicht funktioniert? Viel entscheidender als dieser Besuch sind doch die sonstigen Antworten und Besuche. Schau dir die Seite doch mal an, looft doch, wie ich das seh.
    Ach und ja: Ich wähle grün. Falls das ein Problem ist :)

    • Mir ist ja lediglich der Besuch von Renate Künast mit Fernsehteam aufgefallen. Immerhin war es offensichtlich der erste Besuch bei einem Problemfall.
      Aber was du beschreibst, hab ich so noch gar nicht gesehen.

      • nach Karlshorst ist wohl kein Team mitgekommen? wird ja interessant, ob sie noch mehr Besuche machen, oder obs das dann war.

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  7. Pingback: Schönheitsfehler im grünen Wahlkampf bei Metronaut.de – Big Berlin Bullshit Blog

  8. Ich fänd’s ja angemessen, wenn sich im Zusammenhang mit NewThinking und Netzpolitik.org endlich der bewährte Sprachgebrauch „grünen-nahe(s)“ einbürgert, den ich auch bei der Erwähnung diverser Stiftungen ganz hilfreich finde. Gerade für die Handvoll Berliner, die überraschenderweise nicht sofort „NewThinking“ rufen, wenn sie nachts aufgeweckt und nach der Wahlkampf-Agentur der Grünen gefragt werden (vgl. den realitätsnahen Gebhard-Tweet zu Lumma).

  9. Pingback: Links anne Ruhr (11.08.2011) » Pottblog

  10. Pingback: Grüner Online-Wahlkampf in Berlin | rotstehtunsgut.de

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